Das Projekt Gründerinnenzentrale – Navigation in die Selbständigkeit wird gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Abteilung Frauen und Gleichstellung.

Team: vier Figuren halten große ineinandergreifende Puzzleteile

Selbständig sein: Im Alleingang oder im Team?

Ulla Schweitzer gehört zum Team der Gründerinnenzentrale, war mehrmals selbständig – alleine, als Teil einer GbR und geschäftsführend in einer GmbH. Dieser Artikel gibt Gründerinnen Einblick in die verschiedenen Möglichkeiten und Herausforderungen der Teamgründung.

Kollektives Arbeiten – Zugewinn und Kompromisse

Von meiner ersten Selbständigkeit von 1987–1991 mit dem Café Cralle habe ich hier schon berichtet. Ich trat damals einem sich neu formierenden Kollektiv bei. Für mich war es sehr wichtig, dass ich andere an meiner Seite hatte. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, mich ohne Vorerfahrung alleine selbständig zu machen. Im Team teilten wir uns die Verantwortung, unterstützten uns gegenseitig, vertraten uns, wenn eine von uns krank war. Wenn es Probleme gab, wusste ich, dass wir sie gemeinsam lösen würden. Es ist auch viel schöner, Erfolge mit anderen teilen zu können und sie gemeinsam zu feiern!

Die Entscheidungen trafen wir – wie in Kollektiven üblich – im Konsens. Das hieß, wir diskutierten, bis wir eine für alle annehmbare Lösung gefunden hatten. In manchmal endlosen Plenumssitzungen entschieden wir nicht nur, ob wir für das Hawaii-Toast frische Ananas oder welche aus der Dose verwenden wollten. Wir diskutierten auch über die Öffnungszeiten, die Preise und das System der Gewinnverteilung, um es so gerecht wie möglich für alle zu machen. Hier konnte jede Person für sich entscheiden, für welche Ideen sie sich leidenschaftlich einsetzen wollte oder wo auch ein Kompromiss ok war.

Nachdem unser Kollektiv ein Jahr zusammengearbeitet hatte, wollten wir den Zeitaufwand für diese Absprachen reduzieren. Wir legten Arbeitsteilung für einige Bereiche fest, in denen die Zuständigen entscheiden konnten und dem Rest des Kollektivs nur berichteten. Diese Freiheit, Dinge nach unseren Vorstellungen gestalten, anders als üblich machen zu können, war für mich immer ein wichtiger Antrieb in der Selbständigkeit.

Haftung mit Privatvermögen

Die offizielle Rechtsform war eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, eine GbR. Ein wichtiger Punkt dieser Rechtsform wird oft als großer Nachteil gesehen: die Haftung. Alle, die der GbR angehören, haften mit ihrem kompletten Privatvermögen. Ehrlich gesagt machten wir uns darüber nicht allzu viele Sorgen, denn niemand von uns hatte Privatvermögen. Mir war damals nicht ganz klar, dass ich eventuelle Schulden bis an mein Lebensende hätte abzahlen müssen. Zum Glück trat dieser Fall nicht ein. Das Risiko, große Schulden zu machen, war im Café sowieso relativ gering. Für Risiken wie Diebstahl oder Wasserschäden hatten wir Versicherungen. Die Miete war aufgrund eines alten Vertrags mit 500 DM sehr günstig. Schulden konnten bei Steuern, Berufsgenossenschaft oder bei den Betrieben, die uns belieferten, entstehen. Doch wir hätten schon sehr lange misswirtschaften müssen, bis diese eine vier- oder fünfstellige Summe erreicht hätten.

Für den Wert des Unternehmens und unsere persönliche finanzielle Lage war eine GbR also geeignet. Und der große Vorteil dieser Rechtsform ist, dass die Beteiligten die Regeln für die Zusammenarbeit selber festlegen können. Das sollten sie bewusst, informiert und durchdacht tun, was wir leider nicht in allen Fragen getan haben. Wenn ich damals schon die hilfreiche Checkliste der Gründerinnenzentrale zur Teamgründung gehabt hätte, hätten wir wohl mehr Entscheidungen vorher getroffen.

Risiken erwägen, vertragliche Regelungen finden

Der Vertrag hätte buchstäblich auf einen Bierdeckel gepasst, so wenige Regelungen hatten wir getroffen. In meinem letzten Artikel lautete eine Absatzüberschrift „Böse Folgen der Ahnungslosigkeit“. Sie würde hier ebenso gut passen. Denn vier Frauen Anfang Zwanzig hätten die Frage „Und was machen wir, wenn eine von uns schwanger wird?“ vielleicht nicht leichtfertig vom Tisch wischen sollen mit der einhelligen Aussage „Ich will keine Kinder“.

Das wurde nämlich in dem Augenblick zu einem Problem, als eine wirklich schwanger war. Plötzlich stand eine Frau mit der Angst, ihr Einkommen zu verlieren, gegen drei Frauen, die Angst hatten, eine Arbeitskraft zu verlieren. Da war es schwer, nachträglich eine Regelung zu finden, mit der alle gut leben konnten. Auch ohne, dass alle möglichen Horrorszenarien an die Wand gemalt werden, sollte sich jedes angehende Team mit bestimmten Risiken auseinandersetzen und die beschlossenen Lösungen im Vertrag festhalten.

Fähigkeiten bündeln, Last auf mehrere Schultern verteilen

Von diesen „Kleinigkeiten“ mal abgesehen, hat mir rückblickend diese Form am besten gefallen. Wir waren genug Leute, um unterschiedliche Vorlieben und Fähigkeiten im Team zu haben. So konnte sich jede auf die Dinge konzentrieren, die ihr lagen. Wer lieber Buchhaltung machte, konnte die Renovierung einer anderen überlassen. Wer sich um Flyer und Getränkekarten kümmerte, musste nicht auch noch bei der Veranstaltungsplanung mitmachen. Für die wichtigsten Aufgaben wie Buchhaltung, Erneuern von Genehmigungen und die regelmäßigen Veranstaltungen gab es jeweils zwei Verantwortliche, damit auch bei Urlaub und Krankheit alles gut erledigt wurde.

Was mir daran am besten gefiel? Ich konnte krank werden und hatte trotzdem jederzeit die Sicherheit, dass der Laden lief. Ich war ein wertvolles Mitglied und konnte mich mit Spaß den Dingen widmen, die mir lagen und deshalb gut von der Hand gingen. Aber ich war nicht unentbehrlich.

Wachstumswunsch …

Nach vier Jahren wollte ich mehr. Das Café Cralle war gemütlich, familiär im besten Sinne, doch hatte ich den Eindruck, dass alles selbstgebastelt und irgendwie beschränkt war. Mit einer meiner Kolleginnen hatte ich schon herumgesponnen: Wir wollten eine Disco im Stile von Raumpatrouille Orion eröffnen. Doch es scheiterte an einer bezahlbaren Location. Anfang 1991 boten uns die Besitzer des TaxeMoon am Weddingplatz an, den Laden zu übernehmen. Es war eine zweistöckige Kombination aus Kneipe und Restaurant, lief erfolgreich seit zehn Jahren und war mit 25 Angestellten genau die Weiterentwicklung, die wir gesucht hatten.

Auch dort übernahmen wir die bestehende Rechtsform, in diesem Fall eine GmbH. Hier ist die Haftung der Gesellschafter*innen auf das Stammkapital von 50.000 DM (jetzt 25.000 €) begrenzt. Angesichts einer monatlichen Miete von 12.000 DM, Personalkosten von 40.000 DM und Krediten in Höhe von 200.000 DM schien uns diese Haftungsbeschränkung sinnvoll. Was ich nicht wusste: dass der Haftungsausschluss bei einer GmbH nicht für Miete und Kredite und bei allen anderen Verbindlichkeiten nicht für die geschäftsführende Person gilt. So wurde ich blauäugig geschäftsführende Gesellschafterin und trug damit alleine die ganze Haftung.

… und Wachstumsschmerzen

Bei der GmbH konnten wir die Buchhaltung nicht mehr wie im Café Cralle selber machen. Denn für eine GmbH reicht keine einfache Buchhaltung. Es muss jährlich bilanziert werden, was unsere Kenntnisse weit überstieg. So hatten wir uns relativ hohe Kosten für Steuerberatung ans Bein gebunden und die größten Risiken waren gar nicht abgedeckt. Zusätzlich war die Dynamik, die im Betrieb durch diese Form entstand, sehr schwierig. Wir kannten aus dem Cralle das eigenverantwortliche Arbeiten auf Augenhöhe und hatten nun eine Hierarchie. Nicht nur als Vorgesetzte für unsere Angestellten, sondern auch untereinander.

Im Nachhinein wird mir ganz schlecht bei dem Gedanken, was alles hätte schiefgehen können. Die Rechtsformwahl und die Übernahme einer geschäftsführenden Position ist eine der folgenreichsten Entscheidungen bei der Gründung – besonders finanziell. Ich empfehle daher allen, die diesen Schritt machen möchten, sich vorher ausführlich beraten zu lassen.

Wer passt zu uns?

Der Laden lief. Wir hatten nahezu durchgehend geöffnet, entwickelten unser Angebot weiter, schlossen Kooperationen mit umliegenden Betrieben und machten durchschnittlich 125.000 DM Umsatz im Monat. Wir servierten, kochten, renovierten, feierten und versuchten, zwischendrin auch mal zur Ruhe zu kommen. Aber bei so einem Betrieb ist das schwer, besonders, wenn es nur zwei Verantwortliche gibt.

Meine Partnerin und ich verspürten den Wunsch nach einer ähnlichen Zusammenarbeit wie im Cralle und wollten deshalb das Führungsteam erweitern. Wir sprachen mit vielen Leuten, mit mehr oder weniger ernsthaft interessierten Personen, mit Menschen, die bei uns arbeiteten. Doch wir konnten niemanden finden, der wirklich zu uns passte. Wahrscheinlich hatten wir eine Idealvorstellung, die kein Mensch ausfüllen konnte. Wir entschieden uns zu einem Kompromiss und gaben einer langjährigen Angestellten Aufgaben mit mehr Verantwortung, was uns zumindest so entlastete, dass wir auch mal Urlaub machen konnten.

Ich muss gestehen, dass ich mit der Rolle als Chefin über so viele Angestellte nie ganz warm geworden bin. Als wir 1994 bei den Mietverhandlungen gegen die 18.000 DM bietende Konkurrenz nicht mehr mithalten konnten, zog der Betrieb von der Reinickendorfer Straße ans Stadion der Weltjugend um. Ohne mich.

Lieber im Team als alleine

Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich fragen musste, ob ich mit 40 Jahren auch noch hinter einem Tresen stehen möchte. Die Antwort darauf war nein. Ich beschloss, doch noch eine Berufsausbildung zu machen und wurde Grafikerin.

Auch wenn mir meine Erfahrungen zugute kamen, fühlte ich mich in der Selbständigkeit nicht so wohl wie ich gehofft hatte. Ich war es gewohnt, Leute um mich herum zu haben, mich austauschen zu können. Da ich mir kein Büro leisten konnte, arbeitete ich von zu Hause und ließ mich dauernd von anderen Dingen ablenken. Mir fehlte nicht nur der Ansporn, sondern auch die soziale Struktur (will nicht sagen: Kontrolle), die ein Team bietet. Als ich einen Job angeboten bekam, ergriff ich die Chance.

Seitdem bin ich nebenberuflich selbständig und verfolge dort mit derselben Freiheit wie früher meine Vorstellungen. Doch mein Weg ist noch lange nicht am Ende und vielleicht werde ich irgendwann doch wieder in einem Team selbständig sein.

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