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Wie geht es Gründerinnen und Unternehmerinnen während der Corona-Krise?

Von Corona sind manche Selbständige stärker betroffen als andere. So ist zum Beispiel für Unternehmen mit Angestellten die Situation anders als für Soloselbständige. Für die einen sind hohe Festkosten eine Belastung, dafür können sie auch mehr staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Andere arbeiten weiter und müssen sich auf die veränderten Bedingungen einstellen.

In unseren Interviews erzählen Gründerinnen und Unternehmerinnen, welchen Herausforderungen sie gerade begegnen und wie sie damit umgehen. Wir möchten damit anderen Betroffenen zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Ein Klick auf den Namen der Gründerin/Unternehmerin öffnet das Interview.

Nicole Rittstieg – Antiquariat Mackensen & Niemann

Nicole Rittstieg betreibt zusammen mit ihrem Geschäftspartner Tom Niemann das Antiquariat Mackensen & Niemann im Wedding. Viele Verkäufe laufen über das Internet, aber der Laden ist neben dem Verkauf auch eine wichtige Quelle für Nachschub.

Wie betrifft Sie die momentane Lage?

Beruflich trifft mich die aktuelle Lage gerade nicht sehr stark, da ich als antiquarische Buchhändlerin mein Geschäft auch weiterhin öffnen darf. Und zum Glück ist der Bedarf an Büchern weiterhin vorhanden. Auch wenn zuerst die Online-Bestellungen eingebrochen sind, was mich überrascht hat, scheinen sich sowohl die Kund*innen als auch wir im Antiquariat langsam auf die veränderten Bedingungen eingestellt zu haben. Es gibt im Laden inzwischen wieder so etwas wie Normalität und Alltag unter Einhaltung der Vorsichtsmaßnahmen. Zu diesen zählt auch, dass ich meinen Geschäftspartner momentan nicht mehr persönlich treffe, so dass wir uns nicht gegenseitig anstecken können bzw. wir uns hoffentlich nicht gleichzeitig in Quarantäne wiederfinden.

Privat ist die Situation für mich einschneidender, da meine Partnerin zu einer der zahlreichen Risikogruppen gehört. Ich habe also die meisten Kontakte von persönlich auf telefonisch umgestellt, was mir sehr schwerfällt. Ich gehe fast nur noch in den kleinen Läden im Kiez einkaufen, was ich zum einen für richtig halte, wenn ich auch zukünftig mein Umfeld wie gewohnt vorfinden möchte, und zum anderen aber auch als eine Maßnahme zur Kontaktverringerung verstehe. Außerdem scheinen vor allem in kleinen Bioläden Hamsterkäufe nicht die Regel zu sein, so dass ich dort meinen Bedarf an Lebensmitteln problemloser regeln kann als in Supermärkten.

Welche Schwierigkeiten haben Sie zu bewältigen?

Mich nicht verrückt zu machen, empfinde ich manchmal als schwierig. Mir meine Lebensqualität auch unter den aktuellen Regulierungen zu bewahren, ist auch nicht immer selbstverständlich. Aber Kuchen zu backen, meine Kontakte zu pflegen und mir Informationen zu besorgen, hilft mir, die Situation wieder einzuordnen.

Welche Unterstützung haben Sie (geschäftlich wie privat)? Haben Sie spezielle Angebote in Anspruch genommen?

Geschäftlich haben wir bisher keine (staatlichen) Hilfen in Anspruch genommen. Klar habe ich mich gefragt, ob wir dies sollten oder müssten. Letztlich sind unsere Umsatzzahlen zwar gesunken, aber sie sind stabil und wir können es auf diesem Niveau eine Weile aushalten. Ich habe also die Hilfsangebote im Blick, aber das Ziel ist eindeutig, so lange wie möglich autonom zu bleiben. Genau dieser Ansatz hat mich damals quasi in die Selbständigkeit geführt und hält offensichtlich bis heute an …

Privat haben sich viele Freund*innen bei mir/uns gemeldet und gefragt, ob wir Unterstützung brauchen. Zu spüren, dass das Umfeld so gut aufgestellt ist, hat mich sehr gefreut. Und so entsteht so langsam ein Tauschring. Ich bringe einer Freundin_ das Lakritz aus Kreuzberg in den Wedding, dafür bekomme ich Kaffee und leckere Schokolade von anderen Freundinnen in den Laden gebracht. Das Angebot geht von Mundschutz über Konsumgüter bis hin zu finanziellen Hilfszusagen. Das beruhigt die Nerven.

Stephanie Busse – Logopädiepraxis Logopaedia

Stephanie Busse betreibt zwei auf Schwerstbehinderte spezialisierte Logopädie-Praxen mit mehreren Angestellten. Die aktuelle Lage bringt ihren normalen Arbeitsalltag nahezu zum Erliegen. Die therapeutische Arbeit findet im engen Kontakt mit den Patient*innen, oft mit Körperkontakt statt und hat viel mit dem Mundbild zu tun. Entsprechend massiv ist die Einschränkung, wenn man mit Mundschutz arbeitet.

Was macht die momentane Situation mit Ihnen und Ihrem Unternehmen?

„Das Infektionsrisiko ist für beide Seiten hoch. Die Desinfektions-Routine haben wir zwar schon aus der Arbeit mit den Risikopatient*innen (Schlucken, Beatmung), aber die meisten Patient*innen haben bis auf weiteres abgesagt. Einige wenige trauen sich noch in die Praxis, aber die Nacharbeiten (Desinfektion) nehmen so viel Zeit in Anspruch, dass die Taktung nicht mehr funktioniert. Gerade die Risikopatient*innen bleiben zurzeit unterversorgt. Einen Vorrat an Masken, Handschuhen und allen Sorten Papier haben wir nicht, sodass wir aus hygienischen Gründen bald den verbliebenen Betrieb auch einstellen müssen.“

Helfen denn die staatlichen Förderprogramme weiter?

„Das Kurzarbeitergeld ist sinnvoll, um die Gehälter meiner Angestellten zu sichern. Ich persönlich gebe gerade meinen Jahresurlaub dran ohne Erholungseffekt. Die meiste Sorge bereitet mir, wie ich meine Angestellten halten soll, wenn die Situation länger anhält. Die Landesmittel der Soforthilfe II habe ich nicht beantragt, weil ich dachte, bei mir wird der Ausfall erst in 2-3 Monaten massiv durchschlagen. Jetzt habe ich das Nachsehen, da durch den Bundes-Zuschuss mein eigenes Gehalt nicht abgedeckt wird. Ich habe es jetzt trotzdem beantragt, damit ich wenigstens Unterstützung bei der Praxismiete habe.“

Für die meisten ihrer Angestellten hat Stephanie Busse Kurzarbeit gemeldet. Da die Gehälter für Logopäd*innen nicht sehr hoch sind, müssen einige deshalb ergänzend Grundsicherung beantragen. Bei ihr zeigt sich deutlich, dass Unternehmerinnen durch diese Krise auch deshalb in Schwierigkeiten kommen, weil die Situation vorher schon prekär war.

„Als Logopädin habe ich in den letzten 20 Jahren keine großen Rücklagen aufbauen können. Die Krankenkassen haben die Tarife so weit gedrückt, dass am Ende der Gesetzgeber einschreiten musste, um sie zu zwingen, eine angemessene Bezahlung zu bieten. Anders als andere Selbständige kann ich meine Bezahlung ja nicht selber festlegen. Mitte letzten Jahres kam die Tariferhöhung der Krankenkassen, die mich zum ersten Mal in die Situation einer normalen Arbeitgeberin mit einer entsprechenden langsam entstehenden Reserve für Ausfälle versetzt hat. Diese Reserve ist durch den Ausfall seit Mitte März bereits angegriffen, und wird im April wieder aufgebraucht sein. Meine Angestellten haben ebenso wenig Reserven.“

Fehlende Informationen verunsichern zusätzlich

„Bisher ist von offizieller Seite niemand an mich herangetreten, um über die Lage zu informieren. Das Gesundheitsamt hat keine Richtlinien bezüglich des Betriebes in den freien Praxen veröffentlicht. Telefonisch ist niemand zu erreichen. Ich bin als nichtmedizinische Heilberuflerin aufgerufen, den Betrieb aufrecht zu erhalten, ohne die entsprechende Absicherung der medizinischen Berufe zu haben. Gleichzeitig wird meine Klientel angewiesen, zu Hause zu bleiben und Kontaktrisiken zu vermeiden. Nach der Information aus der Öffentlichkeit müsste ich die Praxis schließen. Eine Schließung von Amts wegen ist nur im Falle einer nachgewiesenen Infektion entschädigungsfähig. Mein Team kann sich ohne Nachweis einer Infektionskette nicht testen lassen. Ich habe also während der Arbeit ständig erhebliche Bedenken, jemanden anzustecken und warte permanent auf den ersten Krankheitsfall, in dem perversen Gemisch aus Sorge und dem Wunsch nach Erlösung aus dem Spagat. Ich bin Stunden um Stunden mit dem Sammeln und Bewerten von Informationen beschäftigt. Ich muss mangels Information von berufener Stelle Entscheidungen treffen, deren Ergebnis ich nicht genau einschätzen kann. Ich versuche meine und die Moral der Kolleg*innen aufrecht zu erhalten und Entscheidungen erst zu treffen, wenn ich deren Meinung gehört habe. Dabei quält mich und mein Personal der Widerspruch zwischen dem vollkommen korrekten Aufruf zur Isolation und der Angst um die Existenz im Regelungsvakuum.

Die ungewisse Dauer der Situation und die daraus entstehenden sozioökonomischen Abgründe unbekannter Tiefe geben mir das Gefühl, während eines drohenden Tsunamis mit allen anderen am Strand zu stehen und das Wasser zieht sich zurück, ganz weit und immer weiter. Psychisch ist das schwer auszuhalten, der kommenden Welle entgegenzusehen, wenn kein Berg in der Nähe ist. Mit einer bitteren Distanz denke ich, dass ich jetzt herausfinden werde, wie lange ich in einer Trümmerlawine schwimmen kann.“

Gibt es auch etwas Positives?

„Ich bin nun besser aufgestellt, um Patient*innen auch teletherapeutisch betreuen zu können. Diesbezüglich kam die Genehmigung zur Abrechenbarkeit mit den Krankenkassen jetzt wegen Corona, dabei wäre das schon seit langem möglich. Jetzt improvisieren wir zusammen mit unseren Patient*innen. Dabei nehmen unsere Patient*Innen z. Z. in Kauf, dass meine Praxis bisher keinen Zugang zu datenschutzrechtlich gesicherten Portalen für die Ärzt*innen und Psycholog*innen hat, obwohl die Therapien vertraulich sind. Wir haben die ersten Erfahrungen mit Video-Therapien gemacht, aber die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich, je nach Patient*in. Viele Familien sind videokommunikativ gar nicht ausgestattet, oder haben nur einen Computer für alle zuhause und müssen die entsprechende Software und ihre Anforderungen erst bewältigen.“

Gut an der Situation findet sie auch, dass die Therapien mit den Kindern jetzt wieder auch vormittags stattfinden können, sodass die Kinder fit und aufnahmefähig sind und die Kolleg*innen zurzeit wieder normale Arbeitszeiten haben. Seit der Einführung der Ganztagsschulen standen ohne Sonderregelung bisher nur noch die Nachmittagsstunden ab 16 Uhr nach einem langen Schultag zur Verfügung.

„Die Kolleg*innen mit eigenem Kind hatten immer den Druck, Termine zu vergeben, wenn das eigene Kind bereits wartet oder den Terminkalender vormittags nicht füllen zu können.

Ohne Corona hätte ich bestimmt noch lange gebraucht, um zu entdecken, dass ich gern teletherapeutisch arbeiten würde, etwa mit den Patient*Innen, die noch keinen Hausbesuch brauchen, aber es aufgrund ihrer Symptome tagesformabhängig manchmal nicht in die Praxis schaffen. Und ich weiß jetzt, dass wir all die Jahre im Sommer, wenn alle Patienten in Urlaub fahren, eigentlich ein Anrecht auf Kurzarbeitergeld gehabt hätten.“

Welche Unterstützung gibt es?

„Meine Kolleg*innen sind sehr kooperativ und versuchen, das Beste aus der Lage zu machen. Auch sie haben sich mehr Information gewünscht und mitgesucht und Lösungen für einige der Schwierigkeiten erdacht. Ich bin sehr froh, dass ich zwar die Inhaberin der Praxis bin, aber das Team mir ein stabiles Fundament bietet, um mir Entscheidungen zu ermöglichen. Eine Angestellte hat von sich aus unbezahlten Urlaub genommen, weil sie es finanziell kann. Andere Praxeninhaber*innen  haben sich genauso ratlos mit mir in Kontakt gesetzt und jede Person hat dann individuell entschieden, wie sie weitermacht.

Mein privates Umfeld ist sehr hilfreich bei der Informationsbeschaffung und versucht, mir gut beizustehen. Da ich seit einigen Wochen fast keine physischen Kontakte außerhalb meiner WG habe, bin ich im Moment zuversichtlich, corona-negativ zu sein."

Alexandra Petrikat und Marie Greive – teethlovers

Alexandra Petrikat und Marie Greive wollten mit der Gründung der teethlovers GmbH gerade richtig durchstarten und mit einer großen Produktion ihres ökologischen Zahnpulvers beginnen. Der Markteintritt war für Mai vorgesehen.

Was die Corona-Pandemie für Auswirkungen auf eure Pläne?

„Wir als Unternehmerinnen in Gründung sehen die aktuellen Herausforderungen als Chance unsere Anpassungsfähigkeiten, Teamkompetenzen und kreativen Lösungsfindungen zu trainieren und unter Beweis zu stellen. Der Notartermin unserer GmbH Gründung kam nicht zustande und wir mussten nochmal radikal umdenken. Wir haben nun unser Gewerbe als GbR angemeldet, um trotz der unvorhersehbaren Umstände unser Produkt auf den Markt zu bringen. Da es sich um ein naturkosmetisches Zahnreinigungsmittel handelt, welches gesundheitsfördernde Eigenschaften besitzt und zur täglichen Körperpflege beiträgt, entspricht es weiterhin dem bestehenden Zeitgeist.“

Welche Schwierigkeiten habt ihr zu bewältigen? 

„Wir vermuten, dass wegen des Andrangs auf die Soforthilfen momentan kein günstiger Zeitpunkt für einen Bankkredit ist. Deshalb müssen wir umplanen, mit weniger finanziellen Mitteln in Erstproduktion gehen und einen zeitgemäßen Markteintritt gestalten. Alles machbar. Die geforderte Flexibilität bringt auf jeden Fall eine spannende Dynamik in unseren neuen Arbeitsalltag.“

Wie fühlt es sich - abgesehen von der spannenden Dynamik - an, vom Plan abweichen zu müssen? 

„Im Gründungsprozess gibt es immer viele Variablen, die sich erst bei Markteintritt und im Start-Up-Verlauf bestätigen oder angepasst werden müssen ... es ist ein seltsames Gefühl, so kurz vor Umsetzung unseres Konzepts, das auf eigenen Marktforschungen basiert, in vielen Bereichen komplett neu zu planen. Das bringt natürlich auch Verunsicherung mit sich, da es die tatsächliche Volatilität (Anm.: Schwankung von Preisen, Kursen, Zinssätzen innerhalb einer kurzen Zeitspanne) der wirtschaftlichen Situation widerspiegelt, in der wir nach wie vor gerne mitagieren und mitgestalten wollen.“

Welche Unterstützung habt ihr?Habt ihr spezielle Angebote in Anspruch genommen? 

„Unsere privaten Darlehensgeberinnen geben uns weiterhin Rückendeckung. Alexandras Lebensgefährte und sie teilen sich im Homeoffice die Betreuung ihrer zwei Kinder. Spezielle Angebote haben wir noch nicht in Anspruch genommen.“

Lena Hedemann – Coach und Trainerin

Lena Hedemann ist ausgebildete systemische Coach und begleitet seit 7 Jahren Menschen in ihren Veränderungsprozessen. Sie lebt mit ihrem Sohn und ihrem ebenfalls selbständigen Mann in Berlin.

Wie betrifft Sie die momentane Lage?

Alle Aufträge mit Präsenznotwendigkeit sind jetzt auf unbestimmte Zeit weggefallen. Das betrifft bei mir vor allem Workshops und Trainings. Teilweise denke ich über neue Formate nach und bin da gerade in der Planung. Das ist allerdings nicht bei allen Angeboten möglich, denn da ist der persönliche Kontakt zwischen den Teilnehmenden essentiell.

Auch neue Anfragen für Coachings hatte ich im März und April deutlich weniger, Unternehmen haben kaum noch neue Anfragen gestellt. Seit zwei Wochen ändert sich das aber ins Gegenteil. Mit den bestehenden Klient*innen konnte ich problemlos weiterarbeiten. Ich habe auch schon vorher den Großteil der Coachings online durchgeführt und dann einfach komplett darauf umgestellt. Dank der Technik ist das alles gut machbar.

Die große Herausforderung für mich ist es, für die Arbeit auch wirklich genug Zeit zu haben. Wir haben einen dreijährigen Sohn und mein Mann ist ebenfalls selbständig. Bei der Planung fühlt es sich an wie Tetris spielen. Wir müssen unsere Zeiten zusammenpuzzeln, damit jeder seine Termine unterbringen kann. Meistens arbeiten wir auch abends, am Wochenende und an den Feiertagen, damit wir unsere Arbeit schaffen. Weil wir beide unseren Job lieben, funktioniert das trotzdem ganz gut. Es gibt mir das Gefühl von „ich darf arbeiten“ statt „ich muss arbeiten“.

Welche Schwierigkeiten haben Sie zu bewältigen?

Die Herausforderung ist nicht nur, den Wochenplan mit Arbeitszeiten und Kinderbetreuung zu erstellen, sondern dabei auch mit Planänderungen umzugehen. Mein Mann muss manchmal noch ins Labor gehen und das lässt sich nicht immer lange vorherplanen. Und ich habe auch immer wieder Umbuchungen bei meinen Klient*innen, denen es ja ähnlich geht. In dieser Situation flexibel zu sein, ist nicht immer einfach und führt zu Diskussionen zwischen mir und meinem Mann. Wir sind in ständiger Verhandlung um Arbeitszeit. Was uns dann hilft ist, uns immer und immer wieder daran zu erinnern, warum wir das Ganze gerade machen. Und was für ein Glück wir haben, in Deutschland zu leben, wo im Vergleich zu anderen Ländern die Konsequenzen und Einschränkungen weniger schlimm sind. Die Familie meines Mannes lebt in der Nähe von Bergamo, da sieht es ganz anders aus im Moment. Ich verbinde mich in schwierigen Momenten auch mit dem Gefühl, was wir im August (oder später) haben werden, wenn wir es geschafft haben und dann sehr stolz auf uns sein werden.

Ich glaube, was uns beiden auch immer wieder schwerfällt, ist zu akzeptieren, dass wir weniger Arbeitszeit zur Verfügung haben als vorher. Und dass wir garantiert nicht so viel schaffen können, wie vorher. Damit entspannt umzugehen, das lernen wir gerade. Was aber auf jeden Fall ein Vorteil ist an der ganzen Situation, ist, dass uns noch mehr bewusst geworden ist, wie kostbar Zeit ist. Einerseits bin ich in meiner Arbeit noch effizienter geworden und radikaler, wozu ich ja oder nein sage. Andererseits hatten wir noch nie so viel gemeinsame Familienzeit und genießen das sehr. Ich kann mir im Moment gar nicht vorstellen, wieder zum alten Modell komplett zurück zu kehren.

Welche Unterstützung haben Sie (geschäftlich wie privat)? Haben Sie spezielle Angebote in Anspruch genommen? 

Ich habe die Soforthilfe beantragt. Ob ich sie auch behalte oder zurückzahle, das ist mir derzeit noch unklar. Meine Eltern skypen jeden Tag mit ihrem Enkel für mindestens eine halbe Stunde und lesen ihm Geschichten vor. Das ist schon eine große Entlastung. Außerdem haben wir eine tolle Babysitterin, die jetzt wieder regelmäßig Zeit mit unserem Sohn verbringt. So haben wir auch etwas Paarzeit oder ich habe Zeit für mich alleine, um z.B. Yoga zu machen. Diese Woche starten wir außerdem mit einer anderen Familie ein Betreuungstandem und wechseln uns zweimal die Woche mit der Kinderbetreuung ab.

Bianca Limbach – Eventmanagerin & Network Marketing Frischekosmetik

Bianca Limbach, seit 2006 selbstständig im Bereich Presse- und Eventmanagement. Vor einigen Jahren hat sie sich ein zweites selbstständiges Standbein geschaffen und vertreibt jetzt mit ihrem Team Plan B im Network-Marketing nachhaltige vegane Körperpflege ohne Schadstoffe.

Wie betrifft euch die momentane Lage?

Logischerweise sind alle Events auf Herbst oder Winter verschoben. Ob diese tatsächlich 2020 noch durchgeführt werden können, ist ungewiss. Dieser Bereich entfällt somit komplett. Mein zweites Standbein rettet zurzeit einiges, denn es ist ein Online-Shop mit einem starken Partnerunternehmen.

Was macht die momentane Situation mit euch und eurem Unternehmen?

Die Stammkundschaft vom Online-Shop bestellt wie gewohnt. Wer selbst von der Krise betroffen ist, bestellt ggf. statt drei nur zwei Produkte. Da merken wir die Krise ein bisschen. Doch es gibt meinem Team und mir eine gewisse Grundstabilität, denn viele aus meinem Team machen es nebenberuflich. Wir sind alle froh, noch eine Alternative zu haben. Wir gewinnen auch neue Kundschaft, denn viele Menschen denken um und kaufen bewusster ein. Menschen wollen inzwischen mit ihrem Geld etwas bewirken. Das verschafft uns mehr Aufmerksamkeit. Nachhaltigkeit, Mensch- und Tierwohl sind Themen, die vermehrt diskutiert werden. Ebenso wie faire Löhne/Grundeinkommen etc. Viele Kund*innen sind uns gegenüber loyal und äußern das auch. Das ist ein schönes Gefühl und zeigt mir persönlich, dass ich Gutes tue.

Welche Schwierigkeiten habt ihr zu bewältigen?

Alle Offline-Veranstaltungen wie Produktpräsentationen haben wir innerhalb von 24 Stunden auf online umgestellt. Da war ich erst skeptisch, doch es wird sehr gut angenommen. Durch „Zoom" erreichen wir nun auch Menschen, die nicht in Berlin leben. Oder Alleinerziehende, die sich sonst auf Kinderbetreuung angewiesen sind.

Welche Unterstützung habt ihr (geschäftlich wie privat)?

Geschäftlich: Das Partnerunternehmen handelt trotz seiner 24-jährigen Erfahrung immer sehr innovativ, flexibel und am Puls der Zeit. Uns wurden unmittelbar neue Online-Vorlagen etc. zur Verfügung gestellt. Online Coaching und Trainings hatten wir davor auch schon, da wir europaweit arbeiten. Zudem gab und gibt es immer wieder Produkt-Aktionen, was die Kundschaft und uns sehr freut.

Privat: Homeoffice bin ich im Network-Marketing gewöhnt. Mein Freund unterstützt mich beruflich sehr. Da sind wir schon gut eingespielt. Da wir keine Kinder haben, entfällt Homeschooling & Co. Jedoch hat mein Freund eine Autoimmunerkrankung, sodass wir beide sehr vorsichtig sind. Einkäufe, Besorgungen mache ich alleine. Das nimmt gerade mehr Zeit in Anspruch, entschleunigt mich jedoch auch sehr. Da er einige Zeit nicht zur Physiotherapie gegangen ist, haben wir gemeinsam Yoga zu Hause gemacht – eine Premiere.

Habt ihr spezielle Angebote in Anspruch genommen?

Ich nutze viele „Zoom-Treffen" mit anderen Netzwerken zum Austausch. Mir fällt auf, dass ich wieder viel mehr telefoniere.

Habt ihr Fördergelder (wie z.B. Soforthilfe Landesmittel oder Coronahilfe vom Bund) beantragt? Mit welchem Ergebnis?

Die Soforthilfe für Solo-Selbstständige habe ich beantragt, damit ich die Eventausfälle überbrücken kann. Noch finanziert mich mein 2. Standbein nicht vollständig, doch es wird zunehmend mehr. Wie sich gerade zeigt, finde ich einen Ausstieg aus dem Eventbereich mehr als sinnvoll – im wahrsten Sinne des Wortes.